Automatisierte Kontenabfragen

Seit dem 1. April 2005 betreibt das Bundeszentralamt für Steuern (BZSt) das Kontenabrufverfahren nach § 93b der Abgabenordnung. Was zunächst als steuerliches Kontrollinstrument eingeführt wurde, hat sich seither zu einem vielseitigen Ermittlungswerkzeug entwickelt, das in zahlreichen Rechtsbereichen Anwendung findet. Unter bestimmten gesetzlichen Voraussetzungen können heute deutlich mehr staatliche Stellen als früher Kontostammdaten deutscher Bundesbürger abrufen – entweder über das BZSt oder über die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Auf diese Weise lassen sich Sachverhalte klären, Beweise sichern und rechtliche Entscheidungen fundierter treffen.
Was ist eine automatisiere Kontoabfrage?
Die automatisierte Kontenabfrage (Kontenabruf) ist ein gesetzlich geregeltes Verfahren, mit dem staatliche Stellen Kontostammdaten bei Kreditinstituten abfragen können – ohne Einsicht in Kontostände oder Kontobewegungen. Ziel ist insbesondere die gleichmäßige Besteuerung und die Aufdeckung bzw. Verhinderung von Missbrauch, etwa bei Sozialleistungen, sowie die Unterstützung von Vollstreckungen. Technisch wird das Verfahren zentral über das Bundeszentralamt für Steuern (BZSt) sowie – für strafverfolgungsbezogene Zwecke – über die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) abgewickelt.
Das Verfahren erklärt (Ablauf und Akteure)
Rechtsgrundlagen und Datenumfang:
Kreditinstitute sind verpflichtet, bestimmte Kontostammdaten (z. B. Konto-/Depotnummer, Datum der Einrichtung/Auflösung, Name, Geburtsdatum von Inhaber und Verfügungsberechtigten; außerdem wirtschaftlich Berechtigte; seit 1.1.2020 zusätzlich Adresse und Steuer-ID) in einer separaten Datei vorzuhalten. Es werden keine Kontostände oder Kontobewegungen gespeichert.
Technische Durchführung über BZSt:
Behörden, die gesetzlich berechtigt sind (u. a. Finanzbehörden, Sozialbehörden, Gerichtsvollzieher), senden ihr Abrufersuchen an das BZSt. Das BZSt prüft die Plausibilität, leitet den Abgleich mit den Auskunftssystemen der Kreditwirtschaft ein und übermittelt die Ergebnisse an die anfragende Stelle. Das BZSt führt keine eigene Kontendatenbank und nimmt keine Datenänderungen vor; protokolliert wird nur zu Datenschutz- und Sicherheitszwecken. Das Ergebnis enthält ausschließlich Kontostammdaten (keine Umsätze/Salden).
Abruf über BaFin (strafrechtliche Zwecke):
Parallel existiert das BaFin Kontenabrufverfahren (§ 24c KWG) für Strafverfolgungsbehörden, Zollfahndung, Staatsanwaltschaften u. a.; auch hier handelt es sich um Stammdaten, die dezentral bei Banken vorgehalten und nur im Abruffall bereitgestellt werden.
Das Ziel von Kontenabfragen
Kernziele sind die gleichmäßige und gerechte Besteuerung sowie die effektive Rechtsdurchsetzung: Das Verfahren soll Steuerhinterziehung erschweren, Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung bekämpfen, Sozialleistungsmissbrauch eindämmen und Vollstreckungen (öffentlich-rechtlich wie privat-rechtlich) unterstützen.
Historischer Hintergrund
2003: Einführung des BaFin Kontenabrufs (§ 24c KWG) für Strafverfolgungs- und Aufsichtsaufgaben, u. a. Geldwäsche- und Terrorismusbekämpfung.
2005: Start des BZSt Kontenabrufs zum 1. April 2005 („Gesetz zur Förderung der Steuerehrlichkeit“), zunächst primär für steuerliche Zwecke und bestimmte Sozialleistungen.
2007 (BVerfG): Das Bundesverfassungsgericht bestätigte die Kontenabrufbefugnis für Steuer- und Strafverfolgungszwecke; für Sozialleistungen verlangte es eine präzisere gesetzliche Bestimmung des Behördenkreises und der Zwecke (Frist zur Neuregelung bis 31.5.2008).
Ab 2013/2016: Ausweitung des Berechtigtenkreises (z. B. Gerichtsvollzieher, niedrigere Schwellen in Vollstreckungen).
Entwicklung seit 2012 – stetiger Anstieg an Kontoabfragen
Seit 2012 werden Kontenabfragen durch eine Vielzahl von Behörden vermehrt durchgeführt. »Im Vergleich zum Einführungsjahr 2005 ließ sich damit sogar eine Steigerung der Abfragen um circa 700 Prozent ausmachen.« (Drucksache 17/14455, 30.07.2013, S. 1) Somit vergrößerte sich nicht nur die Anzahl der Kontoabfragen, sondern auch der Kreis der zur Durchführung Berechtigten wurde kontinuierlich erweitert aus dem Hintergrund zahlreicher Fälle von Erschleichung von Sozialleistungen.
Fallzahlenentwicklung
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Kontenabrufe der einzelnen Institutionen und Behörden über die BaFin seit 2004.
| Jahr | BaFin | Polizei- behörden |
Finanz- behörden/ Steuer- fahndung |
Staats- anwalt- schaften |
Zoll- behörden |
Sonstige | Gesamt- anzahl |
Zu- bzw. Abnahme der Anfragen |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 2004 | 1.380 | 26.212 | 6.057 | 3.038 | 2.251 | 479 | 39.417 | / |
| 2005 | 632 | 38.675 | 10.008 | 7.494 | 5.160 | 441 | 62.410 | 58,33% |
| 2006 | 972 | 47.805 | 11.838 | 12.861 | 7.202 | 478 | 81.156 | 30,04% |
| 2007 | 472 | 54.111 | 13.061 | 18.002 | 7.167 | 747 | 93.560 | 15,28% |
| 2008 | 277 | 46.132 | 10.936 | 18.520 | 7.604 | 469 | 83.938 | -10,28% |
| 2009 | 547 | 52.367 | 11.691 | 20.915 | 6.198 | 158 | 91.876 | 9,46% |
| 2010 | 1.371 | 58.477 | 13.673 | 23.765 | 8.054 | 275 | 105.615 | 14,95% |
| 2011 | 757 | 69.330 | 13.122 | 25.997 | 7.316 | 386 | 116.908 | 10,69% |
| 2012 | 992 | 68.066 | 13.286 | 24.629 | 7.207 | 184 | 114.346 | -2,19% |
| 2013 | 1.218 | 75.296 | 13.397 | 25.434 | 7.052 | 267 | 122.664 | 7,27% |
| 2014 | 370 | 89.542 | 14.020 | 26.495 | 7.052 | 300 | 137.779 | 12,32% |
| 2015 | 1.183 | 86.702 | 13.003 | 25.851 | 6.915 | 301 | 133.955 | -2,78% |
| 2016 | 781 | 88.322 | 13.549 | 26.850 | 7.307 | 375 | 137.184 | 2,41% |
| 2017 | 751 | 84.092 | 13.690 | 27.812 | 10.173 | 327 | 136.845 | -0,25% |
| 2018 | 877 | 87.931 | 13.249 | 30.671 | 9.645 | 515 | 142.888 | 4,42% |
| 2019 | 752 | 131.959 | 12.648 | 29.982 | 10.683 | 551 | 186.575 | 30,57% |
| 2020 | 235 | 219.754 | 15.667 | 39.375 | 14.047 | 773 | 289.861 | 55,36% |
| 2021 | 509 | 279.106 | 16.896 | 42.181 | 12.712 | 734 | 352.138 | 21,49% |
| 2022 | 693 | 316.580 | 17.100 | 43.633 | 12.784 | 775 | 391.565 | 11,20% |
| 2023 | 577 | 349.531 | 18.318 | 46.912 | 15.683 | 822 | 431.843 | 10,29% |
| 2024 | 709 | 392.902 | 18.375 | 54.079 | 18.448 | 1.165 | 485.678 | 12,47% |
| Veränderung seit 2004 | -48,62% | 1.398,94% | 203,37% | 1.680,09% | 719,55% | 143,22% | 1.132,15% | / |